Professor Daumer (Kaspar Hauser I)

2017, Acryl auf Leinwand, 115 x 90 cm

PROFESSOR DAUMER

Der junge, aufgrund eines Augenleidens vom Unterricht befreite, Lehrer nimmt Kaspar Hauser nach dessen Freilassung aus dem Nürnberger Gefängnis in sein Haus auf, in dem er mit Mutter und Schwester lebt. Er lehrt Kaspar sprechen („es war ein langer Weg vom Ding zum Wort“), lesen, schreiben, Griechisch und Latein und schickt sich mit Begeisterung an, Kaspars erwachenden Wissensdurst zu stillen („Dies Herz, dies Hirn, zur Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge, Blüten und Früchte“). Friedrich Daumer, selbst ein wacher und freier Geist, ist von Kaspars „Vergangenheitslosigkeit“, seiner „Frische, seinem Freischweben und seiner Schicksallosigkeit“ fasziniert. Unkonventionell, mutig und den aktuellen wissenschaftlichen Strömungen der Zeit zugewandt lehrt er Kaspar mit Enthusiasmus, Geduld und Hingabe die wesentlichen Dinge des Lebens. So führt er Kaspar anhand einer Rosenknospe, die er aufblühen und schließlich verwelken sieht, den Kreislauf des Lebens vor Augen. Daumer glaubt an die „geheimnisvollen Mächte der Natur“ und sieht Kaspar Hauser unerschütterlich als „reine Seele“. Sein Hang zur Esoterik und seine Hingabe an den Magnetismus und die Homöopathie lassen ihn in den Augen geerdeterer Zeitgenossen bisweilen zwar als traumwandlerischen Spinner erscheinen („Es ist besser, eine Wirklichkeit völlig zu begreifen, als mit fruchtlosem Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu stochern“ Baron von Tucher über Daumer), doch dieser „Spinner“ ist ein wahrer Philantrop und gibt Kaspar aus vollem Herzen ein echtes zu Hause.

Georg Friedrich Daumer sitzt schräg auf einem schlichten Stuhl in einem Raum voller Pflanzen. Neben seiner Sitzposition sind sein wild Blumen-gemustertes Hemd und seine etwas nachlässige Frisur Hinweise auf eine unkonventionelle und freie Gedankenwelt. Die Grünpflanzen zeigen nicht nur seine Naturverbundenheit, sondern sind auch ein Symbol für seine außerordentliche Lehrleistung Kaspar gegenüber: dank kreativer Ideen lässt er Kaspar begreifen, was „Leben“ bedeutet und worin sich lebendige Dinge von leb- und seelenlosen Dingen unterscheiden. Daumers Blick ist etwas nach oben gerichtet, leicht über den Dingen schwebend und sie dabei doch irgendwie durchdringend. Er ist übersinnlichen Kräften zugewandt, hat eigene Ideen und scheut sich nicht, diese vor engstirnigen Autoritäten zu vertreten. Doch nicht nur ein weltentrückter Glanz liegt in seinen Augen, sondern auch wahre Liebe. Als einziger Freund bleibt er Kaspar in seiner Zuneigung bis zu dessen Tode treu.

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